BERLINER ARBEITSKREIS
ÖKOLOGISCHES BAUEN

Juli 2002
Astrid Berggötz, Andreas Kozian, Helga Kutzner, Olaf Rüdiger, Burkard Rüger, Anke Sauer, Sabine Sühlo, Stefan C. Würzner


Ökologisch Bauen - Bauen für die Seele

Ein Leitbild



 

Alles ist miteinander verbunden, alles ist eins, alles ist in ständigem Austausch miteinander, alles ist im steten Wandel, alles ist lebendig und beseelt.

Dies ist für uns die Grundlage des ökologischen Bauens - uns als Teil dieses lebendigen Ganzen zu erkennen, uns in diesen fortwährenden Wandlungsprozess wieder einzubinden, aus der Kommunikation mit dem Lebendigen unser Denken, Handeln und Gestalten abzuleiten.

Für uns ist Bauen ein Prozess des Lebens.

Dabei geht es darum wahrzunehmen, was ist, die Gegebenheiten des Ortes, die Qualität der Zeit, die Visionen, Bedürfnisse und Notwendigkeiten aller Beteiligten zu sehen, sie zu ordnen und zusammenzufügen, diesem immer wieder einzigartigen Zusammenspiel in Form, Gestaltung und Material Ausdruck und Entsprechung zu verleihen.

1. Vision, Einbindung

Die Formulierung einer Vision ist die Grundlage und der rote Faden für alles weitere Denken und Handeln.

Das Fragen nach unseren eigenen Beweggründen und die Rückbesinnung auf unsere Bezüge zum Lebendigen sind die Voraussetzung, ökologische Prinzipien, Lebens- und Sichtweisen auszuprobieren und zu vertreten.

2. Solidarität, Gemeinschaft

Miteinander sprechen und einander zuhören können helfen unsere Vorstellungen und Wünsche vom Leben miteinander zu teilen und anzufangen sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Gemeinsam entwickelte Entscheidungen und Konzepte, angefangen bei gemeinschaftlichen Finanzierungs- und Eigentumskonzepten, Schaffung von halböffentlichen Räumen, Stärkung der Nachbarschaft bis hin zur organisierten Selbsthilfe, tragen dazu bei, der Dynamik eines Bauprozesses nicht hilflos gegenüber zu stehen. Sie unterstützen uns, der wachstums- und verbrauchsorientierten Gesellschaft eigene Werte des Respekts vor den unterschiedlichen Bedürfnissen und vielfältigen Lebensweisen aller Menschen, der Achtung und der Bewahrung unserer Lebensgrundlagen auf dieser Erde gegenüber zu stellen.

3. Standort, Landschaft

Die Zersiedelung von freier Landschaft soll durch Umbau und Umnutzung des Altbaubestandes, Verdichtung im Neubau und Ergänzung im Bestand beschränkt werden. Dazu trägt auch sparsamer Umgang mit individuellen Wohnflächen und Förderung von Gemeinschaftsnutzung bei.

Städtebauliche Planungen sollen Wohnen, Arbeiten und Freizeit so zueinander ordnen, dass Wege gespart und Verkehr gemindert werden. Öffentliche Verkehrsmittel sowie Radfahrer und Fußgänger sollen begünstigt werden.

Wohnungen und öffentliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität in überschaubaren Strukturen, Grün- und Erholungsflächen in unmittelbarer Umgebung, Beteiligung der Bewohner am Planungs- und Bauprozess und Einbindung in kleinteilige Nachbarschaften ermöglichen und fördern umweltbewusstes Handeln und soziale Verantwortung.

Für die Bewertung eines Standortes werden die Aussagen der Geomantie und der Geobiologie berücksichtigt, sowie die kleinklimatische Lage, die Möglichkeiten zur passiven Energienutzung, die Qualität von Luft, Wasser und Boden und die Belastung durch Lärm und Schadstoffe.

4. Bauform, Baukultur

Bauform und Baukörper entwickeln sich aus dem Prozess der Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten und spiegeln die Haltung unserer Gesellschaft zur Baukultur wider. Sollen sie im Einklang mit ihren Bewohnern und ihrer Umgebung sein, so müssen sie Ausdruck und Entsprechung, d.h. Resonanzkörper einer natürlichen Ordnung sein. die sich in Maßen, Proportionen, Rhythmen und letztlich der Schönheit aller Strukturen des Lebens wiederfinden lässt.

Die Beschränkung auf das Wesentliche soll die Orientierung für das Denken und Handeln der Bauenden sein - Einfachheit und Klarheit in Form und Gestaltung, Sorgfalt und Tiefe in Planung und Ausführung.

5. Bauweise und Bauorganisation

Gemeinsam ist mehr möglich als gegeneinander. Statt gegeneinander Bauen fach- und gewerkeübergreifendes Denken und Handeln. Dabei helfen:

- einfache, gegen Fehler unempfindliche Konstruktionen
- die Erhaltung handwerklicher Bautradition
- vollständiges Durchdenken und frühzeitiges Durchsprechen des geplanten Bauvorhabens mit allen Beteiligten
- Verhandlungs- statt Wettbewerbsverfahren bei der Ausschreibung
- Achtung der Eigengesetzlichkeit von Planungs- und Bauabläufen.

6. Baustoffe, Baukonstruktion

Die spürbare Lebendigkeit von naturbelassenen Baustoffen, ihre Schadstofffreiheit und Freiheit von unerwünschter Eigenstrahlung, ihre günstigen thermischen und sorptiven Eigenschaften lassen Häuser zur dritten Haut des Menschen werden. Reparatur- und pflegefreundliche handwerkliche Verarbeitung und Spuren des Gebrauchs und des Alterns begleiten sie ihr Leben lang.

Naturbaustoffe fördern unsere sinnliche Wahrnehmung und stärken unser Vertrauen in unsere eigene Empfindungsfähigkeit, in unsere eigenen Gefühle von Wohlbefinden und Unbehagen hinsichtlich unserer Umgebung.

7. Energie, Haustechnik

Wir brauchen den direkten Kontakt zu den Lebensgrundlagen Licht, Luft, Wasser, Wärme und Strahlung. Ihre ständigen Impulse bewirken unsere Lebendigkeit. Natürliche Energieflüsse und –felder müssen sich frei entfalten können, damit unsere Verbindung zu ihnen auch in geschlossenen Räumen bestehen bleibt.

Die Haustechnik dient unseren Bedürfnissen und bestimmt sie nicht. Ein behagliches Raumklima ist mit möglichst geringem Energieverbrauch unter sparsamer Verwendung technischer Einrichtungen zu erreichen.

Gebäudeorientierung, Baukörper, Baustoffwahl und Haustechnik müssen dabei ausgewogen zusammenspielen, einseitige Betonung von Einzelaspekten ist zu vermeiden.

Maßhalten, nachhaltig orientiertes Wirtschaften und die Verwendung von erneuerbaren, nachwachsenden Energiequellen bestimmen den Umgang mit ihrem Verbrauch.

8. Ökologische Kreisläufe

Die Lebensprozesse spielen sich in der Biosphäre ab. Von dort kommen die Stoffe, die unseren Körper nähren und schützen, und dorthin kehren sie wieder zurück. Diese natürlichen Kreisläufe von Wachsen und Altern, von Schöpfen und Zurückgeben, von Zusammenfügen, wieder Trennen und Auflösen dienen als Orientierung für den Umgang mit den von uns erzeugten Stoffmassen wie Werk- und Baustoffe, Abfälle, Abwässer und Abgase. Bewährt haben sich folgende Kriterien:

- Gewinnung, Verarbeitung und Rückführung vor Ort bzw. regional
- Ausschluss von Gift- und Schadstoffen, unnötiger Chemisierung und Verbundmaterialien
- lange Lebensdauer und Weiterverwendung in möglichst vielen Zyklen
- einfache Zusammenfügung und Trennung - Sparsamkeit, Haushalten, Wertschätzen
- Förderung von Selbstreinigungs- und Selbsterneuerungskräften
- Sichtbar- und Bewusstmachen von Kreisläufen, Deklaration aller Inhaltsstoffe.

9. Ökonomie, Wirtschaftlichkeit, Kosten

Die Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes bestimmt sich neben den Herstellungskosten im wesentlichen durch Betriebs- und Unterhaltungskosten über die gesamte Lebensdauer.

Die Überprüfung und Umschichtung der Bedürfnisse führt zu veränderten Anforderungen an das Haus. Damit ist eine direkte Vergleichbarkeit zwischen konventionellem und ökologischem Bauen nur bedingt gegeben.

 

Auf diesem Weg gibt es keine einfachen Erklärungsmuster und keine fertigen Konzepte.

Lebendige Prozesse erfordern das Einlassen auf die Ungewißheit und das Vertrauen auf regulierende Kreisläufe. Sie fordern uns als ganzen Menschen, körperlich, geistig und seelisch. Sie berühren uns auf allen Ebenen.

 

Berliner Arbeitskreis Ökologisches Bauen,
Juli 2002

Fax/Fon: +49 30 695 314 -35 / -34
bakoeb@oekologie-und-bauen.de